Arkham Horror

Die Nacht des Zeloten

© Fantasy Flight Games

Teil 1: Die Zusammenkunft

 

V Feuer

 

Vom Schreibtischstuhl aus beobachtete Roland den Zerfall seines Hauses. Risse kletterten am Putz hinauf, als zogen die Jahrzehnte an ihm vorbei. Allmählich aber stetig löste sich die obere Schutzschicht des Dielenbodens und verwandelte sich zu Staub. Das war sein Beweis. So etwas passiert nur in Träumen. Er musste lediglich warten, bis er wieder aufwachte und der Spuk nahm ein Ende. Und dann würde er sich einen Tag frei nehmen. Dieser Albtraum war die Quittung für die schlaflosen Nächte, in denen er versuchte der okkulten Sekte auf die Spur zu kommen.

 

Das saure Gas des Erbrochenen ätzte sich durch Wendys Nasenkanäle und sie dankte Gott für jede Sekunde, die ihr eigener Brechreich durchhielt.

Der Bulle saß in sich zusammengesunken auf dem Stuhl und lächelte. Es war ein verstörender Anblick, angesichts der toten Monster zu seinen Schuhen.

Wendy musste hier weg! Allein! Allein?

Was war, wenn noch mehr dieser Bestien auftauchten?

Sie richtete sich auf und setzte einen Fuß vor den anderen. Ihre Beine waren steif und der Boden schwankte wie auf hoher See. Der direkte Weg zum Bullen war durch die Köpfe der Monster versperrt. Wendy würde den Teufel tun, über sie hinwegzusteigen. Sie umrundete die Blutlache, als balancierte sie auf der Kannte eines Vulkans. Dem Bullen näherte sie sich von der Seite. Er hatte noch immer den Revolver in der Hand. Ihn versehentlich zu erschrecken, wäre keine gute Idee. Sie sprach ihn aus sicherer Entfernung an. »Sir…Mr. Banks…«

Er glotzte an die Wand.

Unbrauchbar. Der Bulle war ihr keine Hilfe. Für einen Moment überkam sie ein Gedanke, doch die weiß unterlaufene Hand, mit der er den Revolver in seine Faust presste, zerschlug ihn wieder.

Sie überlegte. Allein würde sie keinen einzigen Schritt aus dem Arbeitszimmer machen. Es führte kein Weg drumherum. Der Bulle musste ihr hinaushelfen. Er war die Waffe.

Über den Schreibtisch gelehnt berührte Wendy seine Schulter und tätschelte ihn, so wie immer, wenn sie einen Polizisten um den Finger wickelte. Ihr Kiefer zitterte und die Zunge streikte, aber sie versuchte so warm wie möglich zu sprechen. »Sir, wir müssen gehen.«

Etwas drang zu ihm durch. Mit dem Blick weiterhin auf die Wand gerichtet nickte er. »Sicher.« Er stand auf und ging zu einem Regal. Reich an Mimik imitierte er jemanden. »Ermittle niemals ohne Taschenlampe, selbst am Tage nicht.« Der Bulle holte zwei der handlichen Lampen hervor und reichte ihr eine.

Routiniert steckte er Revolver und Leuchtmittel in seine Taschen, ging zur Garderobe und setzte sich seinen Hut auf. Aufbruchbereit sah er Wendy an. »Nach Ihnen.« Er wies auf das Loch im Boden.

Sie blickte zum Krater, dann auf die Monster und schließlich zum Bullen.

Der Bulle machte eine Geste, was soll´s, und marschierte auf das Loch zu. Er ging in die Hocke und sah etwas unter den Schreibtisch. »Sieh an. Meine Tür.«

Wendy folgte seinem Blick und tatsächlich, die verschwundene Tür war im Boden eingelassen.

Wieder die Geste, was soll´s, und er kletterte durch den Krater.

Schnell folgte sie ihm. Bloß nicht allein mit den Monstern im Raum bleiben. Allerdings schlug sie die Tür unter dem Tisch auf. Ein Türrahmen zerkratzte sie weniger als das ausgefranste Loch.

Sie kraxelte hinab und hielt sich mit beidem Armen am Rahmen fest. Was mit der Taschenlampe in der Hand nicht die leichteste Übung war. Von der Schulter abwärts baumelte ihr Körper in der Luft. Wartend schielte sie hinunter, doch ihr half niemand. Dumm! Seit wann verschwendete sie Zeit damit auf eine helfende Hand zu warten? Sie ließ los.

Eine Etage tiefer stürzte sie zu Boden. Ihre Beine gaben sofort im weichen Untergrund nach und ihre Füße glitschten davon. Hastig atmend hockte sie auf allen Vieren in Erde, im Hausflur. Feucht und klebrig quoll es ihr zwischen den Fingern.

 

O ja, ein Traum. Die Gewissheit erleichterte Roland. Verrückt, dachte er, was sich sein Gehirn erspann, wenn er schlief. Sie befanden sich im hinteren Flur des Erdgeschosses. Normalerweise was dies die gleiche Etage in der sich auch das Arbeitszimmer befand. Dieser Flurabschnitt verband sein Wohnzimmer mit den Treppen zum Dachboden und Keller.

Die junge Frau stand auf und pulte sich die Erde von den Fingern. Es war als hätte sich die Natur ein verlassenes Anwesen zurückerobert. Wurzeln schlängelten sich aus dem Schlamm die Wände hinauf, als griffen sie nach dem Gebäude und wollten es in die Tiefe ziehen. Roland wedelte mit den Händen vor dem Gesicht. Dicke Staubflocken waberten durch die Luft. Sein Traum glich einer Geistergeschichte.

 

Wendy hatte es begriffen. Wenn sie sich erneut mit jemanden in einer Scheune einließ, der dieses Symbol tätowiert hatte, dann würde sie rennen.

Der Bulle hatte seine Taschenlampe gezückt und stupste sie an. »Da entlang. Durch das Wohnzimmer kommen wir raus.«

Die Gleichgültigkeit mit der er sprach, ließ Wendy erbeben. Sie hasste ihn. Ihn und dieses Haus. Ihr einziger Trost war die Goldmedaille, die sie ihm geklaut hatte. Und die Taschenlampe. Wenn es soweit war, bekam der dumme Bulle sie über den Schädel und Wendy war weg.

Sie zögerte dem Bullen offensichtlich zu lange und er ging vor. Nur wenn sie hinter ihm blieb, konnte sie die Taschenlampe zum Einsatz bringen.

Der Bulle war im Begriff seinen Schuh in das Wohnzimmer zu setzen, da explodierte der Boden vor seinen Füßen.

Eine Hitzewelle schlug Wendy ins Gesicht und schleuderte sie nieder. Es stank nach angesenkten Haaren und ehe sie sich versah, matschte ihre Frisur in Erde.

In den Ohren klingelte es. Der Bulle lag neben ihr. Benommen hob sie den Kopf. Feuer!

Eine Flammenbrunst versperrte den Weg zum Wohnzimmer wie ein Theatervorhang. Der Bulle sprang auf, als würde er selbst brennen und schrie. »Nein! Wasser! Schnell, Wasser!«

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Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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